11. Juni 2012

 

Bernankes Kritik am Goldstandard ist beachtenswert, überzeugt aber nicht

 

von Michael von Prollius

 

Ben Bernanke gilt seit dem Tod von Milton Friedman als der herausragende Gelehrte der Großen Depression. In seiner ersten von drei Vorlesungen an der George Washington University urteilte der Fed-Chef, die US-Notenbank habe in der Grossen Depression versagt, weil sie zu früh von ihrer expansiven Geldpolitik abgerückt sei.

Bernanke, bis 2002 Ökonomierofessor in Princeton, weist der NZZ zufolge insbesondere auf folgende Fehler hin:

Das Festhalten am Goldstandard, der ohnehin gravierende Defizite besitze, darunter

  1. viel größere Wirtschafts- und Teuerungsschwankungen in kürzeren Zeiträumen als dies heute der Fall sei,
  2. beträchtliche Kosten der Golddeckung, die geschätzt rund 2,5% des US-BIP betragen, 
  3. die Starrheit, der wenig geldpolitischen Spielraum gerade in Krisenzeiten belasse, 
  4. die Übertragung der Geldpolitik auf andere Länder, so sei die verfehlte Fed-Politik „exportiert“ worden und habe die Krise verstärkt,
  5. die fehlgeleitete Auffassung, dass nach einer (vermeintlichen Zeit der Exzesse in den „Roaring Twenties“ eine Serie von Konkursen die Wirtschaft wieder zur Prosperität verhelfen könne, eine erfolgreiche Wende habe erst Roosevelt mit der Aufhebung des Goldstandards und Erhöhung der Geldmenge sowie einer Einlagenversicherung gegen Bankenrun vollzogen,

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Bernanke an seiner aggressiven lockeren Geldpolitik bis derzeit Ende 2014 festhält.

Gerade, wenn man die Argumente ernst nimmt, würden profunde Kritiker einwerfen: „It just ain’t so Ben!“

  1. Der Goldstandard hat über lange Zeiträume am besten die Kaufkraft des Geldes stabil halten können und so für monetär nicht verfälschte Preise gesorgt. Preisschwankungen sind in einer Marktwirtschaft wichtig, auch in starker Form, um ihre Signal- und Koordinationsaufgabe erfüllen zu können.

  2. Die Kosten der aktuellen Scheingeldsysteme dürften ein Vielfaches von dem des Goldstandards betragen, ein Blick auf die Umverteilung vom Bürger zu den Banken genügt.

  3. Weniger geldpolitischer Spielraum bedeutet weniger Fehlerquellen für Experten, die der marktlichen Koordination von Geldnachfrage und -angebot ohnehin hoffnungslos unterlegen sind.

  4. Die natürliche Goldbremse hat ausgezeichnet funktioniert und einer Manipulation der Geldmenge und Zinsen durch Goldabflüsse entgegengewirkt.

  5. Murray N. Rothbard hat auf die verfehlte Geldpolitik der 20er Jahre hingewiesen, die für die Große Depression ursächlich ist, und gezeigt, dass Roosevelt die Krise verlängert hat. Robert Higgs hat zudem die krasse Destruktivität der Unsicherheit schürenden Wirtschaftspolitik Roosevelts herausgearbeitet. Namhafte Gelehrte wie George Selgin und Larry White haben auf die mangelnde Notwendigkeit einer Einlagenversicherung in einem Free Banking System hingewiesen. Die Österreichische Konjunkturtheorie belegt aktuell erneut mit großer Plausibilität, dass dem künstlichen Boom natürliche Marktkorrekturen folgen (müssen), um durch eine reinigende Krise Fehlinvestitionen zu beseitigen.

Bei aller Achtung für die Expertise Bernankes – die Fed hat tatsächlich eine falsche Geldpolitik verfolgt und zu sehr schwankend, darunter auch zu früh kontraktiv, agiert – überzeugt seine erste Vorlesung an den entscheidenden Stellen genauso wenig wie seine bislang praktizierte Geldpolitik. Mit einem echten Goldstandard wäre die aktuelle Finanzkrise nicht möglich gewesen.

 

Hier ist die Vorlesung als Video: Chairman Bernanke’s College Lecture Series: The Federal Reserve and the Financial Crisis, Part 1.

 

Dr. phil. Michael von Prollius ist Publizist und Gründer der Internetplattform Forum Ordnungspolitik, die für eine Renaissance ordnungspolitischen Denkens und eine freie Gesellschaft wirbt. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Geldsystem. Seine finanzwissenschaftlichen Beiträge und Rezensionen erscheinen zumeist in wissenschaftliche Zeitschriften, aber auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Fuldaer Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung sowie in der Internetzeitung Die Freie Welt. Aktuellste Buchveröffentlichung von unserem Gastautor Dr. Michael von Prollius: "Die Euro-Misere. Essays zur Staatsschuldenkrise".

 

 

 

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